Dienstag, 25. Oktober 2016

Literatur muss Schwerstarbeit sein!

Ein Buch muss für den Autor, wie für den Leser, gleich einer Doppelschicht im Stahlwerk oder in der Kohlengrube sein.
Reingraben, durchwühlen, schwitzen, verbrennen und - im protestantischen Sinne - gereinigt daraus wieder hervorgehen.
Allerdings sind wir alle Sünder, also gibt es nach der Schicht im Schacht keine Erholung, sondern es werden gleich mal Überstunden gefahren.
Denn nur Arbeit ist die Würze des Lebens! (Zumindest wenn wir der Zeitung "Welt" glauben.)

Denn da wirft die "Welt" einen Blick auf die Verleihung des »Kindle Storyteller Award«, der immerhin mit einer fünfstelligen Summe dotiert war und eine der Vorraussetzungen war, dass man durchaus Verkaufszahlen erzielte, von denen manch sog. »Verlag« nur noch träumen kann.

Aber das zählt alles nichts. Denn der »Welt« reicht es nicht, darüber zu berichten. Nein! Man muss sich über die Siegerin Halo Summer auch noch lustig machen, in dem man ihre Buchtitel mit einer Metapher herunter macht, auf die sich die Verfasserin vor Selbstbeweihräucherung wahrscheinlich auch heute noch einen rubbelt. (Immerhin hat sie es mit ihrer selbstverliebten Poesie in die »Welt« geschafft!)  Der von mir hochverehrte Max Goldt hat so etwas auch mal als »Kommentarwichsmaschine« bezeichnet.

Zitat: » ... Titeln der Autorin, die wirken, als hätte sie Eichendorffs Gothic-Bruder nach einem schamanischen Ritual in Gera-Süd verfasst, „Feenlicht und Krötenzauber“, „Feuersang und Schattentraum“, „Mondpapier und Silberschwert“« Zitat Ende.

Natürlich ohne zu erwähnen, dass diese Titel einer Serie entstammen, die ich hier mal der Einfachheit halber als »Harry Potter« ähnlich bezeichnen möchte. Also poetische, märchenhafte Fantasy.

Noch besser wird es dann aber in der Zusammenfassung des Artikels:

Zitat: »Gefragt, nach welchen Kriterien der Preisträger ermittelt worden sei, sagt der Vorsitzende, die Maßstäbe seien „Qualität, Originalität, Kreativität“ gewesen. Dass dafür doch aber eine zweite Instanz das alles Entscheidende ist, bleibt außen vor: der Gegenleser, der eine dem Einzelnen entsprungene Idee so schärft, dass sie andere weiterbringt, weiter als dahin, wo sie gerade sind. 
Es ist eine merkwürdige Dynamik, die hinter dem Selfpublishing steht: Nicht jeder kann schreiben, aber jeder soll es können dürfen. Jahrhundertelang war der Mythos Autorschaft verbunden mit Auswahl und Gedrucktwerden, inzwischen ist er verschmolzen mit dem Akt des Selbermachens. Selten schien die Instanz des Lektors zeitgemäßer als heute.« Zitat Ende.

Abgesehen davon, dass Mara Delius hier völlig ignoriert, dass viele Selfpublisher durchaus professionell (teilweiser sogar professioneller als mancher Verlag, wie ich aus eigener Erfahrung weiß) arbeiten; Lektorat, Korrektorat und Coverdesign bezahlen, dass sie Gegenleser haben ... dass Leute, die »nicht schreiben können« auch dann keine Leser finden, selbst wenn sie jetzt Selfpublisher sind.

Es ist eine Grundhaltung, die hinter diesen Worten steckt. Eine Haltung, die somit auch die »Welt« vertritt. (Damit ist es mir völlig egal, ob die Verfasserin eigentlich nur neidisch ist, weil sie es mit ihren Wortkreationen nicht auf die Buchmesse geschafft hat.)

Es ist diese ignorante Selbstherrlichkeit des (teilweise staatlich geförderten) Kulturbetriebs, der sich an die Zeiten, in denen ein Buch nur von wenigen Auserwählten geschaffen und gelesen wurde, festklammert, wie ein Ertrinkender am Treibholz.
Diese steife, deutsche, protestantisch geprägte Kultur, in der nur schweißtreibende Arbeit wahres Schaffen ist und alles was den Anschein von Leichtigkeit, Vergnügen, Sinnlichkeit oder Unterhaltung hat, nichts wert, wenn nicht sogar Sünde ist. Das kann keine Kultur sein, kann nichts Rechtschaffenes sein.

 Wenn man also nicht mindestens den Anspruch hat mit seiner Kunst/Literatur die Erde (ich habe hier absichtlich nicht »Die Welt« geschrieben, damit es nicht zu Verwechslungen kommt) zu retten und von Kriegen, Hungersnöten, Ungerechtigkeiten und Krankheiten zu befreien ... hat man nichts in den heiligen Tempel der Frankfurter Buchmesse zu suchen.

Tja. Von diesen Kindern stammen wir eben alle ab:
 
"Das weiße Band" Film von Michael Hannecke




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