"Spiegelgrund": eine Parallelwelt voller Monster und Sinnestäuschungen, in der sich unterbewusste Ängste und Schuldgefühle manifestieren. ("Spiegelgrund" das Finale der Vakkerville-Mysteries erscheint im Herbst 2017)

Mittwoch, 16. November 2016

Early Demo

Manche Ideen schwirren lange im Kopf herum, bevor sie wirklich Form annehmen. Einer der ersten Entwürfe für die Geschichte stammt aus dem Frühjahr 2012. Der Arbeitstitel des Buches lautete: "Spiegel, Scherben und Schattenspiele". Die Story war damals noch so gedacht, dass ein Mann mit Amnesie in eine psychiatrische Einrichtung eingeliefert wird und so die mysteriösen Ereignisse auslöst. (Der Entwurf wurde nie korrigiert, geschweige denn lektoriert. In der Musik nennt man so etwas eine "Early Demo" Version.😉)
 

Prolog

Ein Wispern wanderte durch die alten Backsteinmauern. Nur der Hauch eines Tones. Eine Ahnung eines Flüsterns. Sanft, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Aber ebenso wie dieser am anderen Ende der Welt einen Hurrican auslösen konnte, so konnte das Säuseln der Beginn einer großen Zerstörung sein. Etwas, dass die Mauern zum Einsturz bringen würde.
Meist waren sie ruhig. Aber manchmal, wenn irgendetwas geschah oder sich andeutete, anschickte zu geschehen... etwas, dass normale Menschen meist gar nicht wahr nahmen... etwas, dass nur ein unbestimmtes Gefühl auslöste. So als bekäme man urplötzlich leichte Kopfschmerzen und jemand würde darauf antworten, dass es sicherlich am Wetterumschwung läge. Wenn in der Welt etwas in Bewegung geriet. Etwas sich zu verkehren begann. Zu verschieben. Plötzlich anfing zu schwingen... Dinge in dieser Art also. 

Dann wurden sie unruhig. Viele Jahre waren sie nun schon hier. Verloren im Schatten ihrer eigenen Erinnerungen. Flüchtig auszumachen hinter der dünnen Membran ihrer eigenen Träume. Schlichen mit traurigen, resignierten Gesichtern, durch die rostfarbenen, langsam zerfallenden Gänge. Waren kaum erkennbar in der staubflimmernden Dämmerung der trübblinden Lichter, die immer so wirkten als würden sie gleich endgültig verglimmen. Aber es gab Momente, da wurden sie plötzlich aufmerksam. Blieben stehen, hoben die Köpfe, als würden sie nach oben schauen. Irgendwo dort über ihnen. Dort würde jetzt gleich jemand einen Spalt in der Decke öffnen. Würden sich warme Sonnenstrahlen in ihre Gesichter ergießen. Oh wie schön wäre das. Die Sonne. Das Licht und die Wärme. Vielleicht. Wenn die Mauern endgültig zusammen gebrochen waren? Vielleicht würden sie dann wirklich noch einmal die Sonne auf ihrer blassen Haut spüren?
Ein Raunen webte durch die längst vergessenen Fundemente. Sie erwachten aus ihrer Lethargie und lauschten. Hoffnungsvoll? Sehnsuchtsvoll? Ihr Flüstern und Seufzen störte manch einen, der etwas sensibler als andere Menschen war, im Schlaf. Es setzte sich durch die Mauern hinfort. Brachte Fenster leise zum Erzittern. Dielen zum Knarzen. Türklinken zum Quietschen. Wasserhähne zum Tropfen. Huschte über die verschneiten Wege in den weitläufigen Park. Am zugefrorenen Teich entlang. Brachte selbst die Bäume dazu, sich zu schütteln. Der Schnee rieselte von ihren Ästen. Obwohl in dieser Nacht kein Wind ging. Das Flüstern ließ selbst die Krähen die Köpfe unter den Flügeln hervornehmen und ein verwundertes Krächzen in den dunklen Himmel schicken. Auch die alten Säulen des großen Tores, die einen mächtigen Steinbogen trugen, bebten sanft. Und von dem zweiten, etwas tiefer angebrachten Metallschild wehte der Schnee. Der Schnee, den der Winter in diesem Jahr viel zu früh, viel zu heftig und viel zu überraschend herangefegt hatte. Nicht aller Schnee fiel ab von dem Schild, das meist eh niemand beachtete. Weil das darüber viel größer, viel schöner, viel moderner und irgendwie auch viel beruhigender war. Nur ein Bruchteil der Schrift auf dem alten Schild wurde durch das leise Wispern aus den alten Mauern sichtbar. Nur ein Bruchteil:



„ ... 5 starben min...
472 Kind... „




1

Das Gesicht grinste ihn an. Es war ein dämliches Grinsen. Ein unverschämtes Grinsen. Ein Grinsen, das sagen mochte: Ich lache dich an, aber eigentlich mache ich mich über dich lustig, weil ich ganz genau weiß, wer du bist. Vielleicht sollte es ein vergnügtes oder gar fröhliches Lächeln sein, aber er mochte das Grinsen nicht. Er riss das Gesicht entzwei. Ritsch. Ratsch. Einmal quer. Einmal längs. Dann schlug er seine Zähne in das geteilte Gesicht, biss ein ordentliches Stück ab und begann langsam zu kauen.
Sie dachten, dass ihm Bärchenwurst schmeckte. Nun, der Geschmack war nicht das Problem. Die Wurst schmeckte ganz gut. Wenn sie auf Weißbrot lag, dadrunter leicht gesalzene Butter, das mochte er schon. Aber er fragte sich, ob es nicht andere Wurstsorten gab, die vielleicht genauso schmeckten, ihn aber nicht so unverschämt anlachten. Er fragte das aber nie laut.
Er fragte eh nicht allzu viele Sachen laut und alle nannten ihn nur den „Scheuch“.
Irgendwann hatte er auch mal einen richtigen Namen gehabt, so einen, der auch im Ausweis stand, aber den benutzte er nicht einmal mehr selbst. Der Scheuch war anders als die Anderen. Der Scheuch hatte Downsyndrom. Er war mittelgroß, der Körper leicht dicklich, irgendwie weich und unförmig. Als wäre er nie so richtig fertig gestellt worden. Alles war rund und fließend. Keine Ecken, keine Kanten und das mochte er eigentlich. Die Anderen kannten nur gerade Linien, rechte Winkel, spitze Dreiecke. Mikrowellen, Zimmerwände, Fenster und Straßen. Alles war korrekt ausgerichtet, da gab es keine Wellenlinien oder weichen, fließenden Rundungen. Kein Wunder, dass sie mit ihren Gedanken ständig in die Ecken liefen, gegen Wände stießen und langsam irre wurden. Das dachte der Scheuch, während er langsam sein Frühstücksbrot kaute und mit den schmalen, leicht schräg stehenden Augen, mit den schweren Lidern, aus dem Fenster schaute. Sein rundliches Gesicht, war von einer aschblonden, strähnigen Topffrisur gekrönt und einem ewig gleichen Lächeln erstrahlt, dass die Frauen in der Küche vielleicht dazu verleitete ihm jeden Morgen zum Frühstück Bärchenwurst aufs Brot zu packen. Marmelade und Käse gab es auch. Aber wahrscheinlich fanden sie, dass die Wurst auf der Brotscheibe gut zu seinem Lächeln passen würde.
So als würde er sich mit der Wurst verbrüdern, wie sich Hundebesitzer, die sich unterwegs im Park begegnen, freundlich grüßen, weil sie sich als gleich erkannten. Nun, der Scheuch würde niemals der Bärchenwurst einen Guten Tag wünschen, da mochten die Anderen von ihm denken, was sie wollten. Vor langer Zeit, als er noch einen anderen, einen richtigen Namen hatte, hatte er einmal im Garten gestanden. In seiner schmutzigen, geflickten Latzhose, ein verblichenes, zu großes T-Shirt über der runden Brust. Hatte dagestanden, wie er es öfter tat. Einfach so. Die Arme leicht von sich gestreckt, den Kopf etwas schief gelegt, hatte er irgendetwas beobachtet. Etwas, das ihn faszinierte. Vielleicht einen Schmetterling. Vielleicht einen Käfer. Vielleicht auch einfach nur einen Grashalm. Wer wusste das schon? Er hatte stundenlang da gestanden. Reglos. So dass ein Pfleger, der den Weg entlang kam, sich mörderisch erschreckte und ihn anfuhr, dass er da nicht wie eine Vogelscheuche stehen solle.
Da hatte er sich an etwas erinnert. Das er vor langer Zeit auch mal eine Mutter gehabt hatte und die hatte ihm immer wieder aus einem Buch vorgelsen. Einem Buch, außen dunkelgrün, innen mit vielen großen bunten Bildern und einer schönen Geschichte in kräftigen, schwarzen Buchstaben. Das Wort „Vogelscheuche“ war es gewesen. Es blitzte in ihm auf und er rannte in sein Zimmer. Wie immer, mit großen, tänzelnden Schritten, die Arme ganz steif, links und rechts hinundher wedelnd, wie Windmühlenflügel, die nur eine halbe Umdrehung schafften. In seinem Zimmer hatte er die alte Pappschachtel unter dem Bett hervor gekramt und das zerfledderte, fleckige Buch gefunden. Es war alt, aber man konnte die Zeichnungen immer noch gut erkennen. Auf dem Deckblatt waren fünf Figuren dargestellt. Ein Löwe, ein Mann aus Eisen, ein kleines Mädchen mit einem kleinen schwarzen Hund und ganz vorn: Ein dicklicher, runder Mann, mit strohigen, blonden Haaren und einem kreisrunden Gesicht in dem ein überdimensionertes, fröhliches Dauerlachen prangte. Er war damit durchs ganze Haus gelaufen, hatte es Freude strahlend jedem, den er traf, entgegen gehalten, mit dem dicken Finger auf die Zeichnung und dann auf sich gewiesen.
„Scheuch“, hatte er dabei gesagt und gelacht. Wie er immer lachte. Selbst wenn er Zahnschmerzen hatte. In dieser Hinsicht war er wie eine Katze. Die schnurren auch wenn sie Schmerzen haben und man wusste nie, ob sie sich jetzt gerade wohl fühlten oder genau das Gegenteil empfanden.
Seitdem hieß er nur noch der Scheuch und das Buch nahm er immer wieder in die Hand, um sich die Bilder anzusehen und mit nachdenklich gerunzelter Stirn die Buchstaben zu betrachten. Dabei legte er auch oft den Finger an die Stirn und wartete darauf, dass ihm Stecknadeln durch die Haut nach außen traten, vor lauter Anstrengung.
Der Scheuch spülte den letzten Rest Bärchenwurstbrotspeichelmasse mit einem großen Schluck Kakao herunter und sah aus dem Fenster. Draußen war alles weiß. Es schneite seit Tagen mit nur wenigen Unterbrechungen. Die Flocken tanzten umher und er wollte in den Park, um die Zunge heraus zu strecken, um die kleinen, leichten, kalten Zaubergebilde zu schmecken.
Elli hatte ihm heute erzählt, dass ein Mann kommen würde. Ein Mann, der eine Maske trug und eine Bedrohung für das Schloss war.
»So, Scheuch«, die dicke Köchin baute sich vor ihm auf. »Jetzt ist Schluss mit der Träumerei, die Arbeit wartet. Scheuch, scheuch.«
Das fanden sie witzig. Wenn sie ihn „scheuchten“. Das war ein Spiel mit Worten. Ein Spiel das ihnen gefiel. So wie es ihnen gefiel, ihn mit „Junge“ anzureden, obwohl er schon längst 38 Jahre alt war und da war mein kein „Junge“ mehr. Auch wenn es schwierig war, diese Zahl mit den Händen darzustellen, da man da schnell durcheinander kommen konnte. Dreimal zehn Finger, dann sieben... nein acht, aber hatte er jetzt schon dreimal oder nur zweimal beide Hände mit allen Wurstfingern ausgestreckt? Wurstfinger und Bärchenwurst. Wurde die eigentlich aus Teddys gemacht? So wie die andere Wurst doch aus Hühnern gemacht war, weswegen er sie eigentlich gar nicht so mochte, da er sich immer vorstellte, eines Tages den Mund voll Federn zu haben. Es gab ja Leute, die aus genau diesem Grund nur Salat, Möhren und Äpfel aßen. Das hätte der Scheuch auch gerne getan. Aber die dicke Martha, in ihrer übertrieben, fürsorglich mütterlichen Art, hätte niemals geduldet, dass „der Junge“ kein Fleisch und keine Wurst aß.
Der Scheuch warf noch einmal einen Blick aus dem Fenster. Über den nur mühevoll, halb geräumten Weg, kamen zwei Autos durch den verschneiten Park gefahren und der Scheuch wusste, dass da der Mann kam, von dem Elli gesprochen hatte. Das Smaragdschloss funkelte und glitzerte im Sonnenlicht des Morgens und niemand war da, der dem Fremden den Zutritt verwehrte. Das war nicht gut. Gar nicht gut, dachte der Scheuch und half der Köchin das Frühstück für die anderen Bewohner bereit zu stellen.



2

Wie es wohl wäre, wenn man wirklich alles vergessen hatte? Also wirklich alles.
»Sie können sich wirklich an absolut nichts mehr erinnern?«
Diese Frage war natürlich total unprofessionel, deshalb hatte sie Hendryk Retzlaff nicht gestellt. Das war die Maiboldt gewesen. Die durfte das. Die war noch in der Ausbildung. Nachtschicht im KDD. Meist passierte das Übliche. Nur das übliche würde Retzlaff sagen, der zwar erst 28 Jahre alt war, sich aber gerne den Anstrich des abgeklärten Ermittlers gab. Für den alles unter einem durchgeknallten Serienkiller „normal“ war. Seit heute Nacht fragte sich Hendry Retzlaff aber immr wieder, wie es wohl war, wenn man sich wirklich an nichts mehr erinnern konnte. Das ging doch nicht. Da musste doch irgendetwas sein. Kein Name? Gut. Aber Lieblingsfarbe? Ein Songtitel? Hamburger oder Drei Gänge Menü? Sie können sich wirklich an absolut nichts erinnern? Nur Leere im Kopf? Ist diese Leere dunkel, wie ein schwarzes Loch oder ist sie hell, wie das Licht am Ende des Tunnels.
Die Maiboldt hatte diese Frage gestellt. Übereifrig, naiv und voller Tatendrang.
Retzlaff betrachtete den Mann durch den Rückspiegel, den man letzte Nacht in einer der Nobelboutiquen in der Innenstadt aufgegriffen hatte. Dem Verkaufspersonal war nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Die hatten schnell ihre Abrechnung gemacht, sich dann hastig in ihre „Mitarbeiterrabatt-Kollektionen“ geschmissen und waren nach draußen gehuscht, wo ihre Typen schon in den 7er BMWs warteten, um sie zur After-Work-Chill-Out-Lounge zu chauffieren. Erst die beiden alten, russischen Weiber des Gebäudereinigungsservice waren gründlich genug gewesen, auch mal in einer der Umkleidekabinen zu schauen. Und da saß er dann. Die Sachen, die er trug hätten aus der Boutique sein können, aber die Preisschilder waren nicht mehr dran. Keine Brieftasche, kein besticktes Taschentuch, keine Uhr mit Monogramm, nichts, was ihn hätte identifizieren können. Und er selbst wusste auch nichts mehr. Sagte er jedenfalls. Es war nach Mitternacht gewesen, immerhin mussten solche Edelschuppen, wo man auch Sekt zum Beratungsgespräch bekam, ja neuerdings bis 22:00 aufhaben, als Retzlaff sich den Mann zum ersten Mal anschauen konnte. Nach dem üblichen Kram: Häuslicher Gewalt, Schlägerei in einer Kneipe... solche Sachen halt. Da hatte er im Vorraum gesessen. Zwischen zwei jugendlichen Dieben, einem stinkenden Besoffenen und einem Rocker, den man beim Drogendealen erwischt hatte.
Saß da, wie ein Hollywood-Schauspieler, der versehentlich in der Wirklichkeit der Straße gelandet war und wusste nichts. Behauptete er jedenfalls.
Retzlaff hatte ihn befragt. Professionell natürlich. Die Maiboldt hatte er auch fragen lassen. Damit sie sich besser fühlte und weil sie im Grunde die Fragen stellte, der er eigentlich am liebsten selbst gestellt hätte.
Sie können sich an absolut gar nichts mehr erinnern?
Es war nichts aus dem Typen rauszukriegen.
Dann hatten sie ihn für ein paar Stunden in eine der Ausnüchterrungszellen schlafen geschickt, heute morgen war der Einweisungsbescheid vom Richter gekommen und nun waren sie auf dem Weg hierher.
Retzlaff sah sich die Gestalt im Rückspiegel genauer an. An irgendwen erinnerte ihn dieser Typ. Wenn ihm nur einfallen würde an wen. Dann wären sie schon mal ein Stück weiter.
Ich glaube dir sowieso kein Wort, dachte Retzlaff und sah dem Mann auf dem Rücksitz fest in die Augen. Dieser erwiderte den Blick mit einer seltsamen Mischung aus Trotz, Entschuldigung und Gleichmütigkeit.
Ich werde dich im Auge behalten. Wenn ich dich hier abgeliefert habe, haue ich mich ein paar Stunden aufs Ohr und dann werd ich mich mal ein bisschen umschauen. So ein Typ, wie du, in so tollen Nobelklamotten, der hat sich doch wahrscheinlich gestern Abend einfach nur auf irgendeiner Promiparty das Hirn gegrillt und ist dann in die Nacht hinaus getorkelt. Die paar Stunden in der Zelle haben nichts gebracht, aber die hier, dachte Hendryk Retzlaff, als der Wagen durch den Torbogen fuhr und sein Blick auf das freundliche Metallschild fiel, die haben ganz andere Mittel zur Verfügung.

„Baselow Zentrum für forensischePsychiatrie. Kompetent für den Menschen“

Das kleinere, ältere Schild dadrunter, das fast vom Schnee verborgen war, beachtete Hendryk Retzlaff nicht. Wie die meisten Menschen, die durch dieses Tor kamen.
Nur hatte er in dem Moment ganz kurz das Gefühl, jemand hätte das Fenster einen kleinen Spalt geöffnet und ein kalter Lufthauch wäre herein gefahren.
Aber die Fenster waren geschlossen und die Heizung des Wagens lief konstant auf 20 Grad. Alles war eigentlich in Ordnung.
Oder?
... 


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