"Spiegelgrund": eine Parallelwelt voller Monster und Sinnestäuschungen, in der sich unterbewusste Ängste und Schuldgefühle manifestieren. ("Spiegelgrund" das Finale der Vakkerville-Mysteries erscheint im Herbst 2017)

Freitag, 9. Dezember 2016

Sage mir, was du liest ... "Die verlorene Puppe"


Jedesmal, wenn ich ein Steampunk-Werk in die Finger bekomme, komme ich nicht umhin, dass mir zunächst all die Negativbeispiele des Genres in den Kopf schießen.

All die Kriminal-Vampier-Zombie-Fantasy-Stories, die immer im viktorianischen London spielen, versuchen möglichst historisch akkurat - und damit in meinen Augen langweilig - zu sein. Steampunk ist in diesen Geschichten meist nur die Tasache, dass alles irgendwie von der Kohle verrußt ist, die Leute Goggles tragen und Luftschiffe am Himmel kreisen.

Darüber hinaus: Nichts Neues. Leider!

Dann gibt es aber - zum Glück - Werke wie die, wirklich innovativen »Aetherwelten« von Anja Bagus, oder die beiden Romane aus der »Eis und Dampf« Welt von Judith Vogt und Christian Vogt.
Schon »Die zerbrochene Puppe« hatte damals wahre Begeisterungsstürme bei mir ausgelöst, um so mehr war ich gespannt, als die Nachricht über das Internet kam, dass es ein weiteres Buch in dieser Welt geben wird. Und dann noch mit Azteken.

»Die verlorene Puppe« von Judith Vogt und Christian Vogt Verlag: Feder & Schwert

copyright: Feder & Schwert


Ein fulminanter Abenteuerroman, der alle Möglichkeiten des Genres mit einem Feuerwerk an Ideen ausschöpft!
Man muss »Die zerbrochene Puppe« nicht unbedingt kennen, um »Die verlorene Puppe« zu verstehen.
Es erhöht aber den Lesegenuss, da für Nichtkenner des Rollenspielszenarios das Setting im ersten Buch ausführlicher beschrieben wird, und man sich im zweiten Buch auf ein flüchtiges Wiedersehen mit einigen Bekannten freuen darf.
Um die Lektüre zu genießen, bedarf es der Kenntnis aber nicht und das liegt daran, dass Frau und Herr Vogt ihr Handwerk sowas von verstehen - um jetzt mal umgangssprachlich zu werden.

Erzählt wird die Geschichte eines fliegenden Zirkus, der von unbekannten Kriegern entführt wird, die diesen zwingen, mit dem Luftschiff die Fahrt über den Atlantik anzutreten.
Eine Fahrt, von der bisher noch nie jemand zurückkam. Aber die Entführer behaupten, von der anderen Seite des Ozeans zu stammen.
Aber auch unter den Zirkusleuten ist nicht alles so, wie es scheint, da es offensichtlich einige Personen gibt, die nicht Artisten sind und ihre Motive, warum sie im Zirkus arbeiten, lange im Dunklen bleiben.
Im Dunklen bleibt dafür nicht lange, was die Figuren jenseits des Atlantik erwartet.

Ich sage nur: Whow. Endlich werden einmal alle Möglichkeiten des Steampunk ausgereizt. Die Grundidee einer parallelen Weltenentwicklung in einem Feuerwerk an Ideen umgesetzt, dass es mich sprachlos machte und mir vor Vergnügen eine Gänsehaut bescherte.

Azteken. Eine Hochkultur, die Menschenopfer bringt, obwohl sie über Kanalisation und Rentensystem verfügt, die aber dennoch in archaischen religiösen Mythen verhaftet ist. Und extrem aggressiv. Denn die »wahren« Azteken waren u. A. brutale Eroberer, bevor sie Opfer der Spanier wurden.

Ohne zu spoilern, darf hier verraten werden, dass die Vogts die Wirklichkeit unserer Geschichte so genial umdrehen.
Denn die »Mexica«, wie sie hier korrekt heißen, machen sich gerade bereit, mit ihrer überlegenen Schiffs- und Luftschiffflotte Europa zu erobern. Sie wollen nicht, wie die Azteken unserer Geschichte, auf die Rückkehr ihres hellhäutigen, bärtigen Gottes »Quetzalcoatl -  Die gefiederte Schlange« warten, sondern sie wollen diesen aus Europa befreien.

Dass die Zivilisation aus deutschem Kaiserreich, einer Lufthanse, Venedig, Spanien, dem vom Mondenkönig regierten Frankreich, oder dem Osmanischen Reich den blutrünstigen Kriegern, die Unmengen an Menschenmaterial für ihre Opfer benötigen - bei denen das Blut sprichwörtlich die Pyramiden hinunter läuft - kaum etwas entgegenzusetzen haben, wird dem Leser schnell klar.

Zum Glück gibt es aber unsere Protagonisten, vor allem den Ich-Erzähler - einen Luftseilakrobaten, der die schöne chinesische Artistin liebt - und die friesischen Piraten, die der Leser des ersten Buches bereits kennt.

Und dann kam Kapitel 17! Ja, ich möchte es explizit herausnehmen, denn die Schlacht, die dort beschrieben wird ... der Kampf zwischen den Kriegern der Mexica, den friesischen Luftpiraten, unseren Zirkusartisten in und über der Hauptstadt Tenochtitlan ... so ein Finale benötigte bei z. B. »Das Rad der Zeit« zwei dicke Bände. Hier ist es ein Kapitel, dass den Leser atemlos und schweißgebadet zurücklässt und es ist kein Finale! Es geht ja noch weiter. Das ist ... ist ... einfach nur »Whow«!

Neben dem extrem spannenenden Entdecker-Plot, dem großartigen Verschwörungs-Plot, zeichnet sich »Die verlorene Puppe« durch zweierlei Dinge aus.

Die absolut geniale Zeichnung des Hauptcharakters, bei dem mir lange nicht klar war, was sein »Problem« eigentlich ist, und selbst als es aufgedeckt wurde, warten die Autoren noch mit weiteren Überraschungen auf. Eine derartig geniale Charakterzeichnung habe ich bisher nur bei Stephen Kings »Dunklem Turm« in der Figur der Susannah erlebt.

Das andere ist das Talent der Autoren, ihre Welt zu beschreiben, erlebbar zu machen. Sie verzichten auf detaillierte, seitenlange Ausführungen und schaffen es dennoch, das Setting plastisch vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. Ihr »Trick« ist denkbar einfach und dennoch genial.

Sie setzen einfach ein gewisses Grundwissen unserer Welt und Geschichte voraus. Jeder, der schon einmal die Stelen und Pyramiden der Mittel- und Südamerikanischen Hochkulturen gesehen hat, wird bei den wenigen Beschreibungen, sofort die Bilder im Kopf haben. Nur so und nicht anders würden die Luftschiffe aussehen, wenn die Azteken denn welche gehabt hätten. Oder die Inka mit Unterwasserbooten über den Atlantik gefahren wären.
 Nach dem selben Muster funktionieren auch Figuren wie Tesla, oder Namen wie Erlenhofen, was sicherlich nicht zufällig an Erlenmeyerkolben erinnert.


Fazit: Danke Judith und Christian Vogt, dass Ihr mich noch einmal in die Welt von »Eis & Dampf« eintauchen lassen habt. Danke aber auch, dass Ihr Euch ein paar Jahre dafür Zeit gelassen habt, denn neben so einem Buch verblassen bei mir eine Menge anderer Werke auf Monate und das wär ja auch irgendwie schade.:-)

Judith & Christian Vogt:
Die verlorene Puppe
440 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-86762-275-2

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