Freitag, 29. Dezember 2017

Sage mir, was du liest: "Niemalsland" von Neil Gaiman

Klappentext: »Richard Mayhew führt ein unaufgeregtes Leben in London, bis ihm eines Tages ein verletztes Mädchen direkt vor die Füße fällt und ihn um Hilfe bittet. Richard willigt ein und gerät dadurch in ein Abenteuer, das er sich in seinen Träumen nicht hätte vorstellen können. Denn Door ist kein gewöhnliches Mädchen, sondern gehört zum verborgenen Reich von »Unter-London«. Mit ihr landet Richard in einer Welt, die weit seltsamer und gefährlicher ist, als alles, was er vorher kannte.«


»Niemalsland« ist für die Urban Fantasy das, was »Herr der Ringe« für die High-Fantasy ist.
Denn liebe Leser/innen: Die Singleanwältin, die sich in einen Mafiakiller verliebt, der eigentlich ein Vampir ist und mit ihm zusammen gegen Werwölfe kämpft, von denen einer noch der Polizeiofficer ist, der den Mafiaboss jagt und in den sie sich auch verliebt ... DAS IST KEINE URBAN FANTASY!

Was Urban-Fantasy ist, schreibt Gaiman in seinem Vorwort zu »Niemalsland« selbst, ohne das Wort zu verwenden.
»Was ich wollte, war, ein Buch zu schreiben, das für Erwachsene das ermöglichte, was die Bücher, die ich früher geliebt hatte, Bücher wie Alice im Wunderland oder die Narnia-Bücher oder Der Zauberer von Oz, für mich als Kind ermöglicht hatten. Und ich wollte von den Menschen erzählen, die durchs Raster fallen, zum allerersten Mal von den Besitzlosen erzählen – mit dem Spiegel der Fantasy, der uns manchmal Dinge zeigt, die wir schon so oft gesehen haben, dass wir sie nicht mehr wirklich sehen.«

Und an anderer Stelle:

»Er hatte die Welt von Verbildlichung und Vergleich hinter sich gelassen und war an einen Ort gelangt, wo die Dinge einfach nur sind, und das machte etwas mit ihm.«

»Niemalsland« schildert die klassische Heldenreise am Beispiel eines erwachsenen Protagonisten, in einer neuzeitlichen, urbanen (konkret London) Welt.

Es ist ein typisches Neil Gaiman Werk:
Die Geschichte sprüht nur so vor Ideen, skurrilen Figuren, aberwitzigen Situationen und damit verbundener Komik. Enthält Tiefsinn und Popkultur, verweist auf mythische und biblische Themen, ebenso wie urbane Legenden. Kreiert eine völlig neue Welt aus den Versatzstücken des uns (scheinbar) Bekannten. Ist spannend und manchmal auf banale Art und Weise brutal. Auf politischer Ebene herrlich unverkrampft (Der Marquis de Carabas, der als dunkelhäutig beschrieben wird, ebenso wie die karamellfarbenen Lippen der Jägerin!). Es skizziert vieles nur und regt damit die Fantasie des Lesers und seine Bereitschaft zum Mitfabulieren an.
Doch das macht für mich den Reiz von »Niemalsland« aus!

Es hat genau die richtige Länge. Wo andere ein derartiges Szenario in mehrere Bände packen, genügen Gaiman (der schließlich mit szenischen Comicschreiben seine Laufbahn) begann, knapp 430 Seiten.

Darum ist es auch keine epische »High Fantasy«. Ja. »Niemalsland« ist ein Buch, das Gaiman nach seinem eigenen Szenario zu einer 6-teiligen TV-Serie kreiert hat und das merkt man.

Genau darin liegen aber Gaimans Stärken, weshalb ich »Niemalsland« auch nach zwanzig Jahren immer wieder gerne noch einmal und noch einmal lese.

»Niemalsland« ist ein bunter, surrealer Traum eines Erwachsenen, der sich die blühende Fantasie des Kindes behalten hat, sie mit den Erfahrungen seines Älterwerdens und den handwerklichen Fähigkeiten eines Autors (ich schreibe bewusst nicht »Schriftsteller«!) verbindet.

Die vorliegende »Directors Cut« Version enthält ein Vorwort, in dem der Autor erläutert, welche Änderungen er dafür vorgenommen hat. Diese sind gerade für Nichtlondoner durchaus sinnvoll.
Weiter einen zusätzlichen Prolog, der witziger- und sinnvollerweise aber an Stelle eines Epilogs steht und eine neue Geschichte um den Marquis de Carabras, die Gaiman aktuell für diese Fassung schrieb. Und auch diese spielt wieder alle Stärken des Autors aus. Die Fähigkeit in aller Kürze derart skurrile Ideen und komplexe Settings, durch knappes Skizzieren (die Schäfer, die auch in der Ursprungsstory nur angedeutet werden) zu schaffen.

Ja, aus heutiger Sicht scheint »Niemalsland« nicht viel Neues aufzuweisen. Das liegt aber daran, dass sich sehr viele Autoren bei Neil Gaiman bedient, oder sagen wir freundlicherweise, von ihm inspirieren lassen haben.

Auch sehne ich mich nicht nach einer Fortsetzung. Für mich ist »Niemalsland« als Buch genau die richtige Welt, um immer mal wieder in sie zurückzukehren und mich an den mittlerweile mir bekannten Figuren und ihren Erlebnissen zu erfreuen.

Ich empfehle »Niemalsland« all jenen, die auch als Erwachsene manchmal davon träumen, doch noch einmal wie Alice in den Kaninchenbau zu fallen und ein kurzweiliges, buntes Abenteuer zu erleben.


5 Sterne.









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