Dienstag, 13. März 2018

DKZ-Unternehmen oder Indieverlag?

Ich habe ja an anderer Stelle über X erzählt. Ein befreundeter Autor, bzw. sogar Ex-Autor, da er nicht mehr tätig ist. Seine Geschichte, hat mich u.a. darin bestärkt, meine Bücher selbst zu verlegen.

Eines habe ich bei den vielen Gesprächen mit ihm begriffen. Es ist oft nicht sehr leicht, wirklich zu erkennen, ob man tatsächlich bei einem seriös arbeitenden Kleinverlag gelandet ist oder doch einfach nur bei einem Druckkostenzuschuss-Dienstleister, der so tut, als wäre er ein Verlag. (Der Begriff »Verlag« ist in Deutschland ja leider immer noch nicht geschützt!)

© Pixabay

Die Frage, die sich mir all die Zeit, seit der ich X kenne, immer wieder stellte, lautete:  War sein kleiner Independentverlag mit dem »Rebellen – Selbstanstrich« nicht einfach doch nur ein weiteres Unternehmen, das möglichst viele Kosten und die meiste Arbeit auf seine Autoren abwälzte?
Z.B. die Werbung, die der Verlag (vertragsgemäß) veranstaltete. Soweit diese überhaupt transparent belegt wurde, bestand sie darin, im hauseigenen Café-Buchshop die Bücher und Flyer hinzustellen und den hauseigenen Mailverteiler zu bedienen.
Kaltakquise zur Generierung von neuen Zielgruppen (inkl. Social Media Arbeit) wurde immer nur von den Autoren selbst durchgeführt. Vertraglich sind die Autoren sogar verpflichtet, eine Mindestanzahl an Lesungen pro Jahr selbst zu organisieren.
Leserunden auf Lovelybooks lehnt der Verlag ab, da (Zitat): "Dort nur Leute dran teilnehmen, die Bücher abgreifen wollen." usw.

© Pixabay

Der Verlag behauptete X gegenüber mehrmals, dass er »nicht unerhebliche finanzielle Aufwendungen in ihn als Autor getätigt« habe.
Eventuell war damit das Korrektat/Lektorat gemeint, zu dem der Verlag vertraglich verpflichtet war. (Das wiederum von verlagseigenen Leuten, Praktikanten etc. vorgenommen wurde.) Und wenn ich mir die Rezensionen auf Amazon zu den Büchern von X anschaue, werden dort in allen Rezensionen, die nicht offensichtlich vom Verlag initiiert sind, (wenn das Profil des Rezensenten nur verlagseigene Produkte bespricht, kann man schon stutzig werden.) die Anzahl an Rechtschreib- und Grammatikfehlern bemängelt.

Ich stellte also X gegenüber mehrmals, das tatsächliche Bestreben seines »Verlages« als solcher (also im Sinne von »vorlegen«) überhaupt zu agieren, in Frage.
X wehrte dies immer damit ab, dass es ja ein kleiner Indieverlag sei, der gegen die Großen ankämpfen müsse, der von allen Vertrieben und Händlern gedisst werde und mit miesen Konditionen zu kämpfen habe. Dass so ein kleiner Revolutionär ja nur durch Netzwerkarbeit überhaupt bestehen könne etc.

Vor einiger Zeit erhielt X von seinem Verlag eine Tantiemenabrechnung über die letzten 5 Jahre. Dem voraus ging, dass X bei Recherche im VLB (Verzeichnis der lieferbaren Bücher) einige der vom Verlag veröffentlichten Werke nicht mehr fand und nachfragte.
In der Antwort des Verlages las er, dass eines der Bücher tatsächlich als Printausgabe nicht mehr erhältlich sei, man allerdings eine Neuauflage plane.
X freute sich umso mehr auf die Abrechnung. Immerhin, hatte der Verlag also von einem Buch offensichtlich die Startauflage verkauft. (»Die nicht unerheblichen finanziellen Aufwendungen an den Autor«?)
Als wir uns letztens mal wieder trafen, legte X mir die Abrechnung vor:

Das entsprechende Buch, wurde vom Verlag in den letzten 5 Jahren 2x verkauft!

Ich schaute X an, und ich denke, mein Gesichtsausdruck sprach Bände.

© Pixabay

»Du hast doch bei dem Verlag Verträge gehabt, die Dich u. a. dazu verpflichteten 35 Exemplare zu einem Autorenrabatt zu erwerben?«

»Ja. Das war damals aber kein Problem. Da ich ja ständig auf Lesungen und auf Tour war, ich hab ja fast 20 – 50 Auftritte im Jahr gehabt ...«

»Wollen wir in Deinen Keller gehen und nachschauen, wie viele Exemplare Du von dem Buch da noch zu liegen hast?«

Ich mag X wirklich. Ich will ihn auch nicht fertig machen. Aber die Rechnung, die sich mir hier präsentierte, war in meinen Augen doch allzu offensichtlich.

Setzen wir mal großzügig an, der Verlag hätte eine »Startauflage« im Digitaldruck von 50 Büchern fertigen lassen. (Der Verlag teilt im Übrigen nicht mit, welche Startauflage er anfertigen lässt.)

Selbst beim Branchenprimus BOD kommen wir hier auf einen Einzelpreis von: 6,52 EUR.

Daher können wir davon ausgehen, dass der Verlag dies bei seinem Anbieter (er ist ja Stammkunde) durchaus für 5 EUR pro Buch bekommt. (Ich vermute, dass sogar 4 EUR weitaus wahrscheinlicher sind.)

Also gehen wir von 500 EUR aus. Das Buch hatte einen Endverbraucherpreis von 14 €UR.

X kaufte 35 Exemplare zum sog. Händlerrabatt: 9 EUR also 315 EUR.

Jetzt wäre natürlich noch die Frage zu klären, wo die fehlenden 13 Exemplare sind. Ich weiß aber, dass X in der Zeit, wo er die größten gesundheitlichen Probleme hatte, sich mit Verlagsangelegenheiten kaum beschäftigte ... also wurden die bestimmt auch vom Verlag vor 2012 regulär verkauft und die Rechnungen schwirren irgendwo bei X rum.

Ich stelle mir anhand dieser – zugegeben sehr vereinfachten – Rechnung allerdings eine Frage:

© Pixabay



Wie hoch ist allein die ökonomische Motivation dieses Verlages, für den Verkauf der Bücher zu sorgen?

Denn an idealistischen »wir sind doch alle Indie und halten zusammen« Quatsch glaube ich nicht.

Ist die Motivation eines solchen, sog. Indieverlages wirklich stärker, als die eines DKZ-Unternehmens, das auf seiner Seite nur noch professioneller also härter - kalkuliert und definitiv ALLE Kosten in dem Augenblick drin hat, wo der Autor seine »Pflichtexemplare« bezahlt hat?

Ich rate JEDEM Autor, darüber ebenfalls nachzudenken, wenn er sich über einen Verlagsvertrag freut, in dem er zu einer Mindestabnahme verpflichtet wird.

Unterstützenswerter Indieverlag oder doch nur ein weiteres Druckkostenzuschussunternehmen?

Weiterführend empfehle ich die Seite des Aktionsbündnisses »Fairlag«.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen