Sonntag, 22. Juli 2018

Sage mir, was du liest: "ex vitro: c23 - Band 1" von Ralph Edenhofer

Klappentext:

Die Welt im 23. Jahrhundert. Rohstofffördernde Firmen haben im Sonnensystem zahlreiche Kolonien gegründet, in denen Millionen Menschen leben. Um den lebensfeindlichen Umgebungen im Weltall und auf der von Klimawandel und Umweltverschmutzung gezeichneten Erde zu trotzen, produzieren die Konzerne gentechnisch veränderte Arbeiter – verächtlich „Mutanten“ genannt. Als auf dem Mars Mutantenkinder gefunden werden, die dem Anschein nach auf natürlichem Wege gezeugt und geboren wurden, gerät das Dogma, dass die Mutanten sich nicht eigenständig vermehren können, ins Wanken. Die Folgen dieser Entdeckung bestimmen fortan nicht nur die Schicksale der Sicherheitsoffizierin Kareena Toran auf dem Mars und des Beta-Klasse-Arbeiters Skip auf der Erde, sondern erschüttern das gesamte Kräftegleichgewicht im Sonnensystem.



Irgendwo auf Facebook tauchte mal der Satz von jemandem auf, dass er keine deutschen Autoren lese, da die keine Science Fiction können. (Vielleicht denken viele so, da es eine Menge deutscher Autoren gibt, die Science Fiction unter angloamerikanischen Pseudonymen schreiben.)

Ich sehe das anders.
Hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen, las ich in meiner Jugend sehr viele, sehr gute Werke eines Genres, das dort konsequenter Weise als »wissenschaftlich fantastisch« betitelt wurde. Anglizismen waren verpönt, da es die Sprache des »Klassenfeindes« war. Daneben machte diese Benennung allerdings auch Sinn.

Denn in all den Geschichten stand durchaus ein wissenschaftlicher Aspekt, ähnlich dem, was Jule Verne einst kreierte, im Vordergrund. Die Autoren griffen meist Entwicklungen und Errungenschaften auf, die es bereits gab, entwickelten (sponnen) sie einfach weiter und kombinierten sie oft mit einer Menge philosophischen Gedankenansätzen.
Verpackt in einer meist simplen aber handwerklich sauberen Abenteuergeschichte, in der es nicht nur um das Entdecken ferner Welten, sondern eben auch um die Erkundungen der inneren Welt ging.
(Ich will nicht abstreiten, dass einige dieser Werke durch die herrschende Gesellschaftsform ihrer jeweiligen Herkunftsländer stark beeinflusst waren ... aber das ist Literatur immer.)
Meine Lieblingsautoren aus dieser Zeit waren natürlich die großartigen Strugatzki-Brüder, Stanislav Lem aber auch die deutschsprachigen Vertreter wie Klaus Frühauf und Michael Szameit (Dessen »Sonnenstein-Trilogie« ich nur jedem Fan von anspruchsvoller und unterhaltender Science Fiction empfehlen kann).

Nach der Wende stürzte ich mich dann voller Neugier auf die englisch-amerikanische Science-Fiction und ... war schnell enttäuscht. Ich stellte fest, dass fast alles nur eine Art »Western« oder »Fantasy« im Weltraum war. Etwas, was mich in keiner Weise antriggerte, weshalb ich lieber wieder zu meinen (oben genannten) alten Klassikern griff und sie erneut las.

Ich hielt allerdings weiterhin Ausschau nach Science Fiction und (meiner Vorliebe entsprechend) natürlich nach deutschsprachiger und stieß dabei irgendwann auf Ralph Edenhofer. (Der auch noch kackfrech verweigert, sich ein englisches Pseudonym zu verpassen. Dafür schon einmal: Glückwunsch, Herr Kollege!)

Da ich müde von begonnenen und nie fortgeführten Serien bin (was unter Selfpublishern leider auch immer wieder verbreitet ist) wartete ich trotz vielversprechendem Klappentext und haufenweise guten Rezensionen ab. Nun, wo zumindest 3 Bänder der »c23« Reihe erhältlich sind und ich grad mal wieder Lust auf »wissenschaftliche Fantastik« hatte, begann ich mit »ex vitro«.

Für sein Setting verwendet Ralph Edenhofer einfach das, was wir heute schon kennen und spinnt es eben etwas weiter. Statt ständig Smartphones mit ununterbrochenen Internetzugang in der Hand zu halten, haben die Menschen ein Implantat im Kopf. Wo wir (gut: Einige von uns) noch vor kurzem über »Freihandelsabkommen« diskutiert haben, haben in »c23« längst die Konzerne die Herrschaft übernommen und das, was dort von der EU übrig ist, benimmt sich nicht viel anders als heute. (Grenzen dicht, alles was fremd ist, soll draußen bleiben, es sei denn, es nützt.)

So greift Edenhofer viele aktuelle (und ewige) Themen (Rassismus, Angst vor Flüchtlingen, Allmacht der Konzerne, unberechenbare KI, Wert des menschlichen Lebens ...) auf und kreiert aus ihnen ein überzeugendes, in sich plausibles Setting. Das ist für mich »Science Fiction«. Ich mag es z.B., dass der Autor mir zeigt, dass Flüge von einem Planeten zu einem anderen auch in Zukunft mit bestimmten Beschwerlichkeiten verbunden sind, weil der menschliche Körper dem eben nicht gewachsen ist.

Sicher halfen dem Autor beim Entwickeln seines Settings zwei Erfahrungen. Die seiner Ausbildung in Physik und Ingenieurwissenschaften und seine Leidenschaft als Rollenspieler.

Natürlich ist kaum etwas, was dem Leser hier präsentiert wird, wirklich neu. Nicht die ständige Verbindung mit dem Internet, nicht die Raumflüge, nicht die Kolonisierung des Weltalls, nicht die »Mutanten-Thematik« (vergleichbar mit dem philosophischen Überbau bei »Blade Runner«) aber alles ist verdammt gut umgesetzt.

Ralph Edenhofer hat eine coole, actionreiche und spannungsgeladene Abenteuerstory geplottet, die zwei tief ausgearbeitete Hauptakteure aufweist, so dass am Ende meiner Rezension nur eins bleibt:

Ich war jede einzelne Sekunde, ich mit diesem Buch verbracht habe, begeistert und fühlte mich gut (intelligent) unterhalten. Wer also das oben ausgeführte, mit dem Begriff »Science Fiction« assoziiert, sollte unbedingt zugreifen!

Auf de letzten Seite lässt Herr Edenhofer den Leser nicht mit einem übertriebenen Cliffhanger zurück. Das Ende von »ex vitro« ist ein runder und würdiger Abschluss der Geschichte, der genügend Möglichkeiten für Fortsetzungen beinhaltet, den man aber auch so stehen lassen kann.

Ein Punkt noch, den ich bei einem Selfpublisher nicht unerwähnt lassen möchte:

Handwerklich ist das Buch über jeden Zweifel erhaben. Es ist sprachlich auf einem guten Niveau (die Verwendung von »unbekannten« Worten oder Fremdworten bei Adjektiven und Substantiven ist dem Sujet entsprechend sehr angemessen), sehr gut geschrieben, sauber korrigiert und lektoriert. Ich habe in der ganzen Geschichte nur einen einzigen Tippfehler bemerkt. Hut ab!


5 verdiente Sterne.

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