Sonntag, 8. Juli 2018

Sage mir, was du liest: »Hex« von Thomas Olde Heuvelt

Klappentext: Black Spring ist ein beschauliches Städtchen im idyllischen Hudson Valley. Hier gibt es Wälder, hier gibt es Natur - und hier gibt es Katherine, eine dreihundert Jahre alte Hexe, die den Bewohnern von Black Spring gelegentlich einen kleinen Schrecken einjagt. Dass niemand je von Katherine erfahren darf, das ist dem Stadtrat von Black Spring schon lange klar, deshalb gelten hier strenge Regeln: kein Internet, kein Besuch von außerhalb oder Katherines Fluch wird sie alle treffen. Als die Teenager des Ortes jedoch eines Tages genug von den ständigen Einschränkungen haben und ein Video der Hexe posten, bricht in Black Spring im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los ...



Die Grundidee der Geschichte, die der Klappentext vermittelt, sprach mich sofort an.
Zwei Aspekte hielten mich allerdings lange Zeit davon ab, zum Buch zu greifen. Wie die treuen Leser meines Blogs wissen, mag ich einfach keine (ok, mit ganz wenigen Ausnahmen) Geschichten mehr, die in den USA spielen. Vor allem dann nicht, wenn sie von europäischen Autoren stammen.
Das Zweite war tatsächlich die Vielzahl an schlechten Kritiken.

Letzteres ist aber oft auch ein Grund für mich dann doch zum Werk zu greifen (ich fühle mich da irgendwie provoziert) und so habe ich »Hex« endlich gelesen und ...

 ... war von Anfang an begeistert.

Ja, Heuvelt lässt sich Zeit. Am Anfang der Story steht eine, für manchen Leser vielleicht zu ausführliche, lange Exposition. Die wichtigsten Protagonisten und der Ort werden anschaulich detailliert eingeführt. Genau hier, begann aber schon meine Begeisterung. Das, was der Klappentext für mich versprach, wurde hier eingehalten.

Die »Hexen« Thematik in der Neuzeit.
Wie geht man im Zeitalter des Internet und der sozialen Medien, mit einer Hexe, mit einem Fluch um, ohne dass die gesamte Welt Schlange steht, die Sensation in Augenschein zu nehmen und zu begutachten. Denn genau das, muss, so sagt es die Chronik, verhindert werden.
Niemand darf von der Hexe erfahren.

Der Autor zeigt also zunächst ein beschauliches Örtchen, in dem die Leute sich mit dem Anblick der seit dreihundert Jahren toten Hexe mit ihren vernähten Augen und Lippen längst gewöhnt haben.
Wenn ihr z.B. ein Scheuertuch über den Kopf gehangen wird, da sie das abendliche Familienidyll sonst zu sehr stört ... oder die Jugendlichen sie in einem ausgeklügelten Streich gegen eine Laterne laufen lassen ... dann ist das eher skurril und lustig, denn schauderhaft.

Allerdings ist es genau das, was die Leute und der Ort im Umgang mit »ihrer« Hexe charakterisiert.
Für sie ist die Hexe allenthalben etwas Skurriles, mit dem man sich eben arrangieren muss, wenn man in Black Spring lebt.
An eine wirkliche Bedrohung glaubt hier offensichtlich niemand mehr so richtig und nur der Klappentext lässt den Horror-Fan erahnen, dass die Sache natürlich nicht gut ausgeht. (Wem so eine ausführliche Exposition zu lang ist, der sollte tatsächlich die Finger von dem Buch lassen, was viele negative Rezensionen wohl vermieden hätte.)

Ja, der Gruselfaktor hält sich in Grenzen, die Gänsehaut lässt eher auf sich warten, was in der Geschichte aber nur konsequent und schlüssig ist.

Sobald die Hexe dann einmal »losgelassen« ist und die Bewohner ihr wahres Antlitz offenbaren, bricht wirklich die, im Klappentext versprochene, Hölle los und diese hat es in sich.

Am Ende des »Showdowns« saß ich mit einem vergleichbaren Gefühl da, dass ich nach dem Anschauen von Michael Hanneckes »Das weiße Band« hatte.
Langsam, ja beinah beschaulich erzählt und mich mit der Wucht eines ins Gesicht geschlagenen Vorschlaghammers zurücklassend.

Dieser Vergleich zeigt auch, dass »Hex« keine »Blair Witch« Variante ist. Dass es weniger um den übernatürlichen Grusel denn um den zwischenmenschlichen geht. Auf dieser Erzählebene ist »Hex« eher mit Kings »Needful Things« vergleichbar, als mit diversen »Hexen-Horror-Werken« (vor allem filmischen).

Im Nachwort erfuhr ich dann, dass der Autor die Story nur für den internationalen Markt in die USA verlegt hat, was ich schade finde. Nicht nur, weil er verspricht, dass das niederländische Original einen anderen Schluss hat, sondern weil ich als Europäer auch wieder bei dieser Geschichte ständig das Gefühl hatte, dass diese gut auch auf unserem Kontinent spielt.

Vielleicht kommt ja eines Tags eine »Directors Cut« Fassung heraus, ich würde es begrüßen.

Dennoch bleibt »Hex« für mich eine der literarischen (positiven) Überraschungen diesen Jahres.


5 begeisterte Sterne.

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