Sonntag, 19. August 2018

Hundeleben »Kampfhund und SUV verzichtbare Penisverlängerungen?«

Auf »Spiegel-Online« findet sich ein Artikel über die TV-Reportage »Wie gefährlich sind Kampfhunde«.

Neben dem obligatorischen Verständnis dafür, dass die dokumentierten Fälle, in denen »Kampfhunde« andere Hunde, Kinder oder gar ihre Halter attackiert haben, natürlich schlimm sein, kritisiert der Verfasser u.A.: »Trotzdem lässt die Reportage tendenziös Details aus, die ihre Grundthese - alle Kampfhunde sind gefährlich - schwächen könnte.«

Vielmehr weist er in seinem Artikel darauf hin: »In der Beißstatistik von Hamburg etwa liegt der American Staffordshire Terrier auf Platz neun, vor ihm im Ranking - man muss den Beitrag kurz pausieren, um das lesen zu können - augenscheinlich harmlose Rassen wie der Mexikanische Nackthund und der Pudelpointer, auf Platz eins der Schwedische Lapphund, eine Hütehundrasse.«


Zwar heißt es bereits im Untertitel: »... vernachlässigt den entscheidenden Faktor: die Menschen, die zu den Hunden gehören.«, was erst einmal grundsätzlich auch meine Meinung ist.

Das Problem eines Hundes hängt immer am anderen Ende der Leine! Es ist niemals der Hund.
Allein schon, da er evolutionsbiologisch gar nicht in der Lage ist, mit uns aufrechtgehenden Primaten zu kommunizieren und sich so den Regeln unseres sozialen Zusammenlebens anzupassen. (Ich weiß, dass können auch manche der selbsternannten »Krone der Schöpfung« nicht, dies soll aber hier nicht das Thema sein.)

Also immer, wenn der Hund etwas tut, was lapidar erstaunt als: »Das hat er ja noch nie gemacht!«, kommentiert wird und es danach in der Bewertung dessen, was der Hund überraschenderweise getan hat, um eine Schuldfrage geht:

Schuld ist immer und ohne jede Ausnahme der Mensch! Ob jetzt der verantwortliche Halter oder der, der sich dem Hund »fälschlich« annähernde etc. pp. ... Egal.

Kein Hund, kein einziger Hund, auch der nicht, der schon seit seiner Geburt bei ein und demselben Halter lebt und von diesem hundetypisch, artgerecht versorgt und umsorgt wird, ist 100% berechenbar.

Dies gilt auch bei überraschend positiven Reaktionen:

»Da stürzte mal ein kleines Kind auf unsere Hündin zu, von vorne und hing sich um ihren Hals, wie zur Umarmung. Wir alle, wir die Besitzer, die Eltern des Kindes dachten in dem Moment nur, Scheiße, das war's jetzt, jetzt beißt sie zu ... aber sie stand einfach nur da.« (O-Ton in einer Unterhaltung und positiver Beleg für die Theorie, dass kein Hund berechenbar ist.)

Was mich an dem Artikel allerdings stört, ist, dass hier wieder einmal der Eindruck erweckt wird, die Rasse der sog. »Kampfhunde« würde eigentlich gar keine Rolle für ihr Verhalten spielen.

Wozu hat der Mensch Wölfe überhaupt domestiziert und später speziell gezüchtet?

Der Pudel z.B. zum Fischfang, der Australien Shepard zum Schafehüten, der Huskyzum Schlittenziehen, der Rhodesian Ridgeback zur Großwildjagd und – Sie ahnen es vielleicht schon – der Bullterrier zum Kampf mit Bullen.
(Lassen Sie das mal bitte kurz im Raum stehen und stellen sich es bitte bildlich vor! Doch. Tun Sie es. Ich weiß, solche Bilder schmerzen. Mehrere Hunde, die darauf gezüchtet und abgerichtet wurden in einem Ring mit einem männlichen Rind ...)

Natürlich stelle ich mir auch die Frage, warum man sich einen Bordercollie halten muss, wenn man nicht Schäfer ist, so wie ich mir ebenso die Frage stelle, warum man ein 500PS SUV fahren muss, wenn man nicht in der Prärie von Southdakota oder dem australischen Outback, sondern in einer verkehrstechnisch eh schon kollabierten Stadt lebt.

Oder warum man seinem minderjährigen Kind jedes Jahr für knapp 1000€ das neueste I-Phone schenken muss, »damit es/man im Notfall erreichbar ist«.

Genauso stelle ich mir die Frage, welche Gründe es dafür gibt, dass sich Vertreter des Homo sapiens unbedingt einen gezüchteten Hund anschaffen müssen, der nachweislich für eine derart perverse Freizeitbeschäftigung wie den Kampf gegen Bullen gezüchtet wurde.
(Nebengedanke: Warum eigentlich nicht gegen Stiere? Bullen = kastriert. Stiere nicht.)

Vielleicht findet man die Antwort in einem Artikel auf Telepolis, in dem es gar nicht um Hunde geht: »Postkapitalismus ohne Verzicht«

(Schönes Zitat: »Es geht der Mehrwertmaschine somit nicht um die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern um die unentwegte Erzeugung immer neuer Bedürfnisse, um immer mehr Ressourcen in Warenform zu gießen und einen möglichst schnellen Verschleiß auszusetzen.
Zugleich dient die Ware, gerade bei krisenbedingt zunehmender Konkurrenz, als Statussymbol. Die irrationale präfaschistische Ästhetik und der dumpfe PS-Wahn, die die Autobranche in den letzten Jahren hervorgebracht hat, dient gerade der Beförderung von Statusgefühlen derjenigen Menschen, die es in einem härter werdenden Arbeitsalltag noch »geschafft« haben. Das an ein Batmobil erinnernde SUV gleicht einem Panzer, der die Durchsetzungsfähigkeit des Eigentümers signalisiert. Es ist eine Penisverlängerung auf vier Rädern.«
)

Wie gesagt, ich rede nicht von Straßenhunden, denen jemand ein zuhause gibt, wo unter Umständen Kampfhundgene drin sind. Ebenso wenig, wie ich verhindern kann, dass mein Hund (ehemaliger rumänischer Straßenhund) ständig irgendwelchem Wild hinterherrennen will, da er ganz offensichtlich die Gene einer Rasse in sich trägt, die zur Treibjagd gezüchtet worden ist. Was ich eben nicht wusste.

Ich rede von Züchtern. Gewinnorientiert agierenden Leuten, die bestimmte Rassen, deren Eigenschaften nun mal nicht zu verleugnen sind, da sie durch jahrzehntelange künstliche Auslese verstärkt wurden, immer noch züchten und warum irgendein Mensch sich diese Hunde dann bewusst anschafft. Das Wissen um deren genetische Eigenschaften setzte ich hier einmal voraus.

Hier kann es doch nur darum gehen, dass der Hund, ebenso wie der SUV oder andere (für das menschliche Zusammenleben in unserer westlichen, industriellen Gesellschaft absolut unnütze) Dinge, ein Statussymbol sein soll.
Eine Art Penisverlängerung, die irgend ein Signal an die Umwelt ausstrahlen soll, dass der jeweilige Besitzer mehr wert ist, als er selbst eigentlich glaubt, wert zu sein.

Ein anderer Grund erschließt sich mir nicht.

Ich würde ja die Haltung von SUV (es sei denn, er ist nachweislich beruflich notwendig) und Kampfhunden (der reale Nutzen ist hier wohl auszuschließen) verbieten.
Denn beide sind in den Händen von unfähigen oder ignoranten Menschen eine erhebliche Gefahr für Unbeteiligte.
Der noch existierende Bestand von Kampfhunden sollte sich nicht mehr – zumindest nicht »genetisch rein« - fortpflanzen dürfen. Obwohl ich auch eine verordnete Kastration/Sterilisation durchaus für denkenswert halten würde. (Ähnlich wie Tierschutzorganisationen streunende Katzen vermehrungsunfähig machen. Es gibt genügend herrenlose Strassenhunde.)

Ich bin auch der Meinung, dass jeder, der einen Hund halten will, eine Prüfung ablegen sollte und nachweisen muss, dass er den Hund artgerecht halten kann. (Hier wäre dann z.B. auch die Frage zu stellen, warum sich ein Mensch, der einen Nine-to-five-Job hat, in einer Zweizimmerwohnung in der Innenstadt von München lebt, sich z.B. einen Schlittenhund anschaffen sollte. Oder sich die geheingeschränkte Rentnerin unbedingt von einem Labradorrüden durch's Dorf ziehen lassen will.)
Denn abgesehen von der Gefahr, die durch schlecht in das menschliche Zusammenleben integrierte Hunde ausgeht, ist es in den meisten Fällen in meinen Augen einfach nur Tierquälerei.
Ja, auch mir tut das Schicksal von Chico leid.

(Ebenso, wie mir der Nachbarshund leidtut – ein Zwergpudelrüde – der jedes Mal, wenn er allein im Haus gelassen wird, stundenlang ohne Unterbrechung bellt, kläfft und jault. Aber ich kann und will nicht alle und jeden retten und die negativen Auswirkungen auf mein Leben halten sich bei diesem Beispiel in Grenzen. Bei einem vernachlässigten Kampfhund nicht mehr.)

Daher halte ich es auch für naive (und gefährliche) Augenwischerei, wenn die Besitzer sog. »Listenhunde« gerne mit ihren Tieren demonstrativ schmusen und ständig vorführen wie lieb die sind.


Denn auch hier, ist es, das, natürlich nicht klein zu redende Verdienst des jeweiligen Menschen, der sich am anderen Ende der Leine befindet.
Es täuscht nur leider sehr fahrlässig darüber hinweg, dass von diesen Hunden tatsächlich eine zuchtbedingte Gefahr ausgeht, die eben höher ist, als z.B. bei einem Hütehund.
Eine Gefahr, die wirklich nur, durch eine perfekte artgerechte Haltung zumindest annähernd zu zügeln ist.
Allerdings bleiben immer noch die paar Prozent, in denen jeder Hund ein unberechenbares und zumeist gefährliches Lebewesen ist. (Und wenn er »nur« plötzlich auf die Straße rennt und dabei eine Massenkarambolage auslöst, bei der er selbst jämmerlich verreckt.)

Mir wäre es lieber, wenn sich jeder Mensch, vor dem Anschaffen irgendeines Hundes, mehr damit beschäftigt, was das für ein Wesen ist, was es für Bedürfnisse (ja auch angezüchtete) hat und ob er willens und in der Lage ist, mit so einer Persönlichkeit in beiderseitigem positiven Rahmen zusammenzuleben.

Beim I-Phone ist die Gefahr für die Mitmenschen (und auch für unsere Hunde) nicht so groß, wie beim SUV oder beim Kampfhund. (Zumindest nicht, wenn man wie ich, nicht an die Schädlichkeit durch die Handystrahlung glaubt.)
Auch wenn ich die ökologische Fragwürdigkeit gerade dieses Produktes weiter aufrecht erhalte und man auch bei der Anschaffung von solchen und ähnlichen Artikeln vor dem Kauf mehr als einmal nachdenken sollte, ob man es wirklich braucht ... Aber dies ist ein anderes Thema.

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