Freitag, 17. August 2018

Sage mir, was du liest: »Tsukuyumi« von Felix Mertikat u. a.

Klappentext (lt. Amazon. Auf dem Buch selbst steht ein anderer):

Der spannende Comic zur Kickstarter-Sensation erzählt die Ursprungsgeschichten der verschiedenen Fraktionen des komplexen Strategiespiels.

Ganze acht verschiedene Rassen kann der Spieler im Brettspiel-Hit Tsukuyumi kontrollieren. Egal ob die tierischen Boarloards, die Insektoiden Dark Seed, die mechanoide Kampfgruppe 03 oder die supercoolen Cybersamurai – abgefahrene Action ist garantiert.

Diese epische Welt hat eine so komplexe Hintergrundgeschichte, dass Erfinder und Zeichner Felix Mertikat die besten Autoren der Szene mit an Bord geholt hat. Wer die Werke von Andrea Bottlinger, André Wiesler, Bernd Perplies, Bernhard Hennen, Christopher Tauber, Oliver Hoffman und Verena Klinke schätzt, kann ihre Handschrift in der Geschichte von Tsukuyumi wiederfinden.

Stellt Euch ein postapokalyptisches Szenario vor. Der Mond ist in die Erde gestürzt, und in einem gigantischen Krater liegt nun Tsukuyumi, der seine Diener in die Welt schickt, alles Leben auszulöschen. Fantastische neue Spezies haben sich entwickelt, und nun erzählt uns der Autor nicht nur von den letzten überlebenden Menschen, sondern auch von genmutierten Landwalen, rasenden Boarlords, der Insektenkönigin und ihrem Schwarm… Hier ist entsteht gerade eine ganze Welt. Gewaltige Kampfroboter treffen auf Kräfte der entarteten Natur. Und all diese Völker und Fraktionen müssen sich nicht nur gegen ihre Feinde zur Wehr setzen, sondern auch gegen ihn: Den Weltzerstörer.


Als großer Freund der analogen Unterhaltung (um mal diese beiden netten Herren zu zitieren) wurde ich schon sehr früh auf die Kickstarter-Aktion von Felix Mertikats Brettspiel »Tsukuyumi« aufmerksam.

Mertikat ist für mich spätestens seit »Steam Noir« einer der besten deutschen Zeichner mit einem eigenständig erkennbaren Stil.

Das Brettspiel selbst, klingt durchaus spannend, da die Mindestspieleranzahl von 3 Personen bei uns aber kaum zustande kommt, kam es für mich nicht in Frage.

Nun brachte der feine Comic-Verlag Cross-Cult ein Comic mit gleichem Titel heraus und veranstaltete dafür eine Leserunde auf Lovelybooks. (Durch die ich das Buch erhielt.)

Der Klappentext auf dem Buch selbst (in dem das Spiel überhaupt nicht erwähnt wird) und die Veranstaltung dieser Leserunde, weckten die Erwartung, dass mit dem Comic eben Leute in den Genuss von Mertikats Zeichnungen und Weltenentwurf kommen können, ohne das Brettspiel kennen zu müssen, zu wollen.

Funktioniert »Tsukuyumi« der Comic also unabhängig vom Brettspiel?

Leider nein.

Außer Verena Klinke schafft es keiner, der beteiligten Autoren wirklich eine Story zu erzählen. Deren Teile des Werkes wirken eher wie Texttafeln in alten Stummfilmen und nicht wie Geschichten.
Die erzählerischen Mittel des Mediums Comic werden – außer in den zwei Storys von Klinke – kaum bis überhaupt nicht genutzt. Es wird lediglich immer wieder erzählt, dass der Mond auf die Erde stürzte und warum die jeweilige Fraktion jetzt so ist, wie sie ist und warum sie so handelt. Also gegen jeden und vor allem gegen den Drachen aus dem Mond kämpfen. Allerdings erzählt das bereits der Klappentext.

Das Ganze mag als hochwertiges Beiwerk zum Regelheft des Brettspiels ein super Gimmick sein. (Ähnlich z.B. den auf der Homepage zum kostenfreien Download befindlichen Einführungen in die verschiedenen Fraktionen zum Kartenspiel »51st state« von Portalgames.)
Hätte zumindest den Vorteil, dass man durch das Entscheiden für eine Fraktion und das damit spielen, ja zumindest eine emotionale Bindung zur jeweiligen Truppe hat, die man dann vielleicht noch mit dem Comic vertiefen kann.

Als eigenständiges Comic würde es, so ich es denn gekauft hätte, bei mir das Gefühl »sein Geld rausgeschmissen zu haben« erzeugen.

Bernhard Hennen und Bernd Perplies mögen gute Romanautoren sein - ich weiß es nicht, da ich von ihnen noch nichts gelesen habe - gute Comic-Skripter sind sie nicht!

Spannende Geschichten entstehen, in dem man dreidimensionale Figuren schafft, zu denen der Leser eine emotionale Bindung aufbaut und sie dann Konflikten aussetzt, die sie bewältigen müssen.

Das tut nur Verena Kline in »Cybersamurai«.

»Show dont tell« gilt nicht nur für Bücher und Filmskripte, sondern auch für Comics. Und das »show« sollte man nicht ausschließlich dem Zeichner überlassen. Ähnlich einem Drehbuch lebt eine Comic-Erzählung in erster Linie vom Dialog und Handlung. Die ständige Verwendung einer »Stimme aus dem Off« wirkt auf Dauer nur langweilig, zumal sie immer wieder das gleiche erzählt und oft unnötig ist (bestes Beispiel die erste veröffentlichte Fassung des Filmes »Blade Runner«).

Hier scheint es, als hätte Mertikat das eigentlich selbst schon längst geschrieben. Denn die verschiedenen Fraktionen und ihre Rolle im Setting von »Tsukuyumi« sind seit der Kickstarter-Kampagne bekannt. Die Bilder von ihm würden also, so man das Spiel kennt, sogar ohne die wenigen Texteinblendungen funktionieren. Eventuell sogar besser, da sie dem Leser bzw. Spieler, die eigene Fantasie arbeiten lassen würden.

Die Beteiligung einiger Autoren beim Buch »Tsukuyumi« wirkt auf mich lediglich wie Namedropping - was Mertikat wirklich nicht nötig hat – der Versuch also, das Comic auch Lesern zugänglich zu machen, die nie zum Brettspiel greifen werden. Nur machen sie dafür einen viel zu schlechten Job.


Vielleicht merkt man es: Ich bin tatsächlich extrem verärgert, da der Inhalt dem hochwertigen äußeren Eindruck des Hardcoverbandes, mit seiner teilweisen Klarlackveredelung, in keiner Weise gerecht wird.
Auch wenn ich, als Gewinner der Leserunde keinen Cent bezahlt habe, hätte ich lieber die doppelte Summe des eigentlichen Preises dieses Buches, für z.B. einen hochwertigen Band mit Skizzen und Artwork von Mertikats Schaffen ausgegeben, als derart langweilige und überflüssige Comicstorys zu lesen. (Ja, ich habe schon beim Klappentext verstanden, dass der Mond auf die Erde gestürzt ist und neue Kreaturen geschaffen hat ... blablabla ...)


Fans des Brettspiels können meiner Meinung nach bedenkenlos zugreifen, so sie es nicht eh im Rahmen der Kickstarter-Kampagne erhalten haben. Comic-Leser mit Interesse an gut erzählten Geschichten sollten die Finger von lassen.

Die Zeichnungen sind 5 Sterne wert. Verena Klinkes zwei Geschichten saubere 3 Sterne. Bernhard Hennes Ansatz einer Story 2 Sterne. Dem Gesamtwerk kann ich auf Grund seiner – meiner Meinung nach – völlig fehlgeleiteten Zielgruppenausrichtung leider nur 1 Stern geben.

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