Montag, 28. August 2017

Sage mir, was du liest: »Das scharlachrote Evangelium« von Clive Barker

Klappentext

»Eine Welt voller Blut und Schrecken - das Evangelium nach Clive Barker ist scharlachrot.

Zwei Kultfiguren des Horrorgenres liefern sich den ultimativen Kampf. Harry D’Amour, der Detektiv des Übersinnlichen, stellt sich Pinhead, dem Priester der Hölle.

Die letzten sechs Magier der Erde sind vor Angst erstarrt: Ein Priester aus dem Orden der Zenobiten tötet einen nach dem anderen von ihnen. Pinhead ist sein Name, und aus ihren Leichen stiehlt Pinhead alles Wissen, um seine eigenen dämonischen Kräfte zu stärken ...
Harry D’Amour ahnt davon nichts, als er das Haus eines Verstorbenen betritt, um dessen ruheloser Seele Frieden zu geben. Doch dann öffnet sich ein Riss zwischen dem Totenreich und der realen Welt und Harry erblickt Pinhead - und Pinhead ist dabei, die Hölle zu erobern!

Die Fans von Clive Barker halten den Atem an. Nach vielen Jahren wurde ihr Betteln erhört: Pinhead öffnet die Pforte zu den Zenobiten und zieht Harry D’Amour an Ketten in die Hölle.«

Ein opulentes Schlachtengemälde mit einem etwas zu pubertären Anstrich.

Über Clive Barker und seinen Beitrag zur modernen Horrorliteratur noch viele Worte zu verlieren, spare ich mir.



Mit der Figur des Zenobitenpriesters (in »Hellraiser« noch ohne Namen) hat Barker auf jeden Fall eine Ikone der Popkultur geschaffen. Das nageldurchbohrte Antlitz dürfte mittlerweile jeder kennen, auch Leute, die nie Buch und oder Film(e) konsumiert haben.
Der später als »Pinhead« titulierte mysteriöse Charakter verselbstständigte sich irgendwann und man kann davon ausgehen, dass Barker dies nicht immer gefiel. (Zumindest wird im »Scharlachroten Evangelium« mehrmals erwähnt, dass der Höllenpriester diesen Spitznamen selber eher als Verunglimpfung sieht.)

Vielleicht ist »Das scharlachrote Evangelium« ein Versuch seines Schöpfers, die Figur wieder zu sich zurückzuholen und ihm die Bedeutung zu geben, die der Autor für angemessen hält.

So hat der Zenobit hier kein geringeres Ziel, als die Hölle zu erobern. Luzifers Thron steht offenbar seit Jahrtausenden leer, da der gefallene Engel verschwunden ist und Pinhead zieht alle Register seines blutigen und schmerzvollen Könnens, um die Heere der Unterwelt und ihre Anführer zu vernichten.
Das Ganze schildert Barker, in der für ihn typischen Art.

Kaum ein anderer Autor versteht es, Horror in derartig poetische Sprachbilder zu kleiden, dass beim Lesen immer die Faszination das Grauen überwiegt. Mehr als einmal hatte ich die berühmten Gemälde von Bosch oder Breughel vor Augen.
Sicher, eine gewisse Entmystifizierung des Zenobiten findet hier definitiv statt. Man vergleiche nur einmal die sprachlich kunstvollen Andeutungen im 1. Kapitel des Buches »Hellraiser« – in dem nichts konkret beschrieben wird – mit dem opulenten literarischen Gemälde, das Barker »Scharlachroten Evangelium« serviert.
Die Beweggründe des uralten Zenobitenpriesters scheinen tatsächlich eine Art Langweile und Verdruss zu sein. Nach allem, was er bereits erfahren und erlebt hat, bleibt einfach nichts weiter, als die Hölle zu vernichten, und wer weiß ... danach vielleicht die Erde und dann den Himmel. Entsprechend kaltblütig geht Pinhead seinem eh schon immer blutigen Weg. Schmerzen interessieren ihn am eigenen Leib nicht, warum dann bei anderen rücksichtsvoller sein?

Auf der anderen Seite steht der Privatdetektiv Harry D’Amour. Eine Figur, die in meinen Augen extrem gewöhnlich (ja klischeebelastet) ist. Er ist der versoffene Arsch, der gerne in Selbstmitleid badet, sich selbst als Menschfeind betrachtet und natürlich im Ernstfall für die Freunde, die er doch hat, wortwörtlich in und durch die Hölle geht.
Der Zenobit betrachtet Harry D’Amour dementsprechend auch von Anfang an nicht als Gegner, da er ein Scheitern für sich überhaupt nicht in Betracht zieht, sondern nur als »Bezeuger«.
Dieses Zusammenspiel der beiden Figuren funktioniert sehr gut. Hier das Klischee, da das charismatische Mysterium.

Spaß macht es auf jeden Fall, den Beiden in die Hölle zu folgen, die faszinierenden Bilder vor dem inneren Auge entstehen lassen und sich dem apokalyptischen Größenwahn hinzugeben, den Barker entfesselt.

Einen Punkt Abzug gibt es für die seltsam pubertär anmutende Sexualität, die sich unnötig durch das Werk zieht. Barker war immer auch erotisch im Sinne von schwülstig. Hier beschränkt es sich allerdings darauf, dass alle Dämonen und Monster, irgendwie riesige Pimmel haben und ständig an sich herumspielen. Ebenso pubertär mutet das tuntige Herumgeplänkel zwischen zweien der Nebenfiguren an.

Dies ist meilenwert von der durchaus erregenden Erotik aus beispielsweise »Coldheart Canyon« oder »Das Sakrament« entfernt.

Was ich allerdings durchaus zu schätzen wusste, war, man möge mir dies verzeihen, die überschaubare Anzahl an Seiten. Denn vielen von Barkers Werken aus den 80ern hätten meiner Meinung nach, durch ein effektiveres Kürzen, weitaus mehr dauerhafte Spannung und Faszination beim Lesen erzeugen können.

So ist »Das scharlachrote Evangelium« ein ordentlicher Happen Clive Barker nach dem es zumindest für alle möglichen Franchise-Nehmer schwer wird, dem großartigen Zenobitenpriester noch irgendwie zu verhunzen.
Vielleicht war es genau das, was Barker wollte und dies ist gelungen. »Das scharlachrote Evangelium« ist definitiv das finale Denkmal für den faszinierenden Priester des Zenobiten-Ordens, den ich nicht mehr »P ...« nenne.

Lesenswerte 4 Sterne bei Amazon.

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