Sonntag, 10. September 2017

Sage mir, was du liest: »Der letzte Wohnsitz Gottes« von Jens Bühler

Klappentext: »Im Winter 1943 verwandelt eine deutsche Atombombe Moskau in eine Hölle aus Schutt und Asche. Wenige Wochen später fliegt die Luftwaffe einen symbolträchtigen Angriff auf Stalingrad. Die Trümmer der durch die 6. Armee zerstörten Stadt verglühen im atomaren Feuer. Die Sowjetunion kapituliert. Der Schock über die deutsche Massenvernichtungswaffe sitzt tief bei den Alliierten. Das nach den Kriegsjahren des Ostfeldzuges militärisch geschwächte Reich droht London zu zerstören, um die Westmächte an den Verhandlungstisch zu zwingen. Das Kalkül geht auf. Im Februar 1944 endet der große Krieg mit den Waffenstilstandverträgen von Madrid. Aber der Frieden ist trügerisch. Weltweit toben Stellvertreterkriege und es erscheint nur eine Frage der Zeit, bis die Großmächte ein letztes Mal gegeneinander ins Feld ziehen. Seit dem Sommer 1981 hütet der SS-Offizier Max Lenzer ein Geheimnis, dessen Enthüllung ihn an den Galgen bringen würde. Dieser Gefahr rückt er noch näher, als er Jahre später vollkommen unerwartet in das höchste Amt der SS berufen wird und sich als Schachfigur in einem politischen Intrigenspiel wiederfindet. Doch nicht nur Rivalen suchen nach einer Schwachstelle des neuen Reichsmarshalls. Auch Klara Wagner, eine verurteilte Mörderin im Auftrag eines Geheimdienstes, sowie Wiebke Raabe, eine desillusionierte Inspektorin im Reichsamt für Volkshygiene, interessieren sich für sein Vorleben. Als Lenzer dann auch noch dem Rätsel um die deutsche Atombombe auf die Spur kommt, schwebt er in Lebensgefahr. Ein Crossover-Thriller.«


Ich mochte »Vaterland« von Richard Harris sehr. Bei dem obrigen Klappentext bleibt es nicht aus, dass sich Jens Bühler mit eben diesem Buch vergleichen lassen muss.
Wir haben oberflächlich betrachtet, einen handwerklich soliden Thriller, in einem gut recherchierten bzw. erdachten Setting.

Die Geschichte entwickelt sich im Westendlichen auf dem Rücken dreier Protagonisten, deren Wege sich erst im Finale treffen. Die Figuren sind gut, mit der erforderlichen Tiefe ausgearbeitet, ihre Motivationen immer klar und ihre Handlungen plausibel.

Alle Fäden werden am Ende eines guten Spannungsbogens zusammengeknüpft, die Geschichte ist in sich glaubwürdig, auch wenn manch ein Leser Schwierigkeiten mit dem »metaphysischen« Einfluss im Finale haben dürfte.

Mich persönlich hat er nicht gestört, erinnerte er eher an das ebenfalls sehr gelungene »Mirage« von Matt Ruff. Das Problem ist nur, dass dieses Ende, dem Buch von Jens Bühler die Radikalität und Finsternis nimmt, die z.B. »Vaterland« hatte und die es ausmachte (Allein, dass die Amerikaner der Verfilmung ein Happy End verpassen mussten, das der Brite Harris nicht hatte, spricht Bände!).

Denn das durchaus ähnliche Grundkonstrukt: Wenn Hitler-Deutschland den Krieg gewonnen hätte, dann hätte sich das System irgendwann normalisiert, entradikalisiert und die eigenen Verbrechen der Vergangenheit verleugnet wirkt durch den Schluss bei Bühler auf mich wie ein verzweifeltes Happy-End.

Um den eventuell auftretenden Anfeindungen, denen sich auch Harris damals stellen musste (»Wie kann man nur so über Hitler, die Nazis und Deutschland schreiben?«) von vornherein den Wind aus den Segeln zu Nehmen.

Das ist schade.

»Der letzte Wohnsitz Gottes« trägt mit dem Ende der Story, das Etikett »Fantastik« so deutlich, dass der Autor sich keine Sorgen über eventuelle Vorwürfe machen muss, und verspielt damit leider die Chance eines nachdenklich stimmenden Alternativweltentwurfs.


Darum hier noch mal der Hinweis:

Darüber hinaus weist das E-Book leider auch die typischen Probleme eines Selfpublishers ohne professionelles Lektorat bzw. Korrektat auf. Fehler, die kein noch so gutes Rechtschreibprogramm findet und die Testleser oder der Autor selbst, zwangsläufig immer wieder gerne übersehen, finden sich hier zu viele. Dazu gehören die gehäuft auftauchende Doppelung und das Vertauschen von Pronomen in Sätzen.

Der größte Fehler, der mir wirklich den Lesefluss für eine Weile komplett versaut hat, weil ich ewig »vorblättern« musste, um zu kapieren, was gerade passierte, ist, dass ein Kapitel an der völlig falschen Stelle steht.
Für einen dramaturgischen Kniff halte ich es nicht, denn allein auf Grund der Tatsache, dass es nur dieses eine Kapitel ist, das aus der Chronologie herausfällt, wäre es als gewolltes Mittel ziemlich dämlich. (Dabei hat der Autor doch alle Kapitel mit Datum versehen. Hier hilft tatsächlich meist nur ein professionelles Auge, solche Peinlichkeiten auszubügeln.)

Zusammenfassend also verdiente 3 Sterne bei Amazon.

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