Sonntag, 8. Oktober 2017

Sage mir, was du liest: "Vagant-Trilogie 1: Vagant" von Peter Newman


Klappentext: »Ein einsamer Wanderer. Ein Schwert. Ein Kind.

In einer postapokalyptischen Fantasy-Welt macht sich der namenlose Vagant mit einem Säugling im Arm auf die Reise. Sein Ziel: die letzte Zuflucht der Menschheit. Dorthin soll er ein mächtiges Schwert bringen. Die einzige Waffe, die den dämonische Ursupator vernichten kann.

Für (aber nicht ausschließlich) Fans von Joe Abercrombie und Mark Lawrence ein Muss!«





Aufmerksam wurde ich auf das Buch, da ich als Fan der Comic-Serie »Monstress« auf den Seiten des Verlags Cross-Cult umherschaute. Nun ist es längst kein Geheimnis mehr, dass Cross-Cult mittlerweile auch Bücher verlegt. (So z.B. die Überraschungserfolge von Nnedi Okorafor) Also durchaus ein Händchen für ungewöhnliche Autoren und Szenarien zu haben scheint.

Zunächst klang »Vagant« einfach nur nach einer interessanten Endzeit-Fantasy-Story. Bei meiner Recherche stieß ich schließlich auf eine Rezension der englischsprachigen Ausgabe, in der u. a. erwähnt wurde, dass der Protagonist im gesamten Buch kein Wort spricht.

Dies weckte meine Neugier. Im Western (Film) funktioniert das ja super, aber im Buch?
»Vagant« war also zunächst eines dieser belletristischen Werke, die ich mir ab und zu zum Lesen hole, um für das Schreiben zu lernen.

Zum Glück ist »Vagant« so viel mehr.

Es ist genau diese Art von Genre-Mix, die ich liebe. Der Mut eines Autoren, wirklich eine neue Welt zu kreieren und den Leser sofort und ohne große Erklärungen hineinzuwerfen.
Das Setting ist eine wilde Mischung aus Endzeit, Science-Fiction und Fantasy. Es gibt Nanotechnologie und Solarzellen. Schwimmende Inseln und singende Schwerter. Gepanzerte Ritter und Luftschiffe. U-Boote und zerstörte Großstädte. Panzer, Geschütze und das alles in einer völlig zerstörten Welt. Beherrscht von den zwei Hälften einer gebrochenen Sonne und höllischen Kreaturen, die vor einigen Jahren aus dem sog. »Bruch« kamen und das Imperium »Des geflügelten Auges« unter der Herrschaft »Der Sieben« beinahe vernichteten.

Das alles erzählt Peter Newman auf eine Art, die das Schreiben wirklich völlig ausschöpft. Er versucht sich nicht in ellenlangen, detaillierten Beschreibungen, die meist nur wie ein armseliger Versuch wirken, einen Film oder ein Comic zu ersetzen.
Newman kreiert seine Welt in einer knappen Sprache, Namen und Figuren, die visuell (also in einem der o. g. Medien) kaum darzustellen wäre. Und genau hier fordert er die Fantasie seines Lesers. »Vagant« kann so, wie man es in der Hand hält, nur als Buch funktionieren. Allein das Cover, obwohl sehr gut, wirkt fast schon wie ein Sakrileg, da es die eigenen Bilder im Kopf abschwächt.

Fantasy in dieser Art habe ich bisher nur bei R. Scott Bakker so erlebt. (Schade eigentlich, dass er in Deutschland mit seiner zweiten Trilogie nicht verlegt wird.) Gelegentlich fühlte ich mich auch an den überbordenden, vor allem anachronistischen und alle Konventionen über den Haufen werfenden, großartigen China Miéville und sein Meisterwerk »Perdido Street Station« erinnert.

Bei den Schilderungen der Höllenkreaturen, in seiner simplen Wortgewalt dachte ich tatsächlich mehr als einmal an Clive Barker.

Die Story ist in der dritten Person Gegenwart geschrieben und die Sprachlosigkeit des Vaganten dadurch geschildert, dass der »Point of View« auf allen anderen handelnden Figuren liegt. So wird ein Händler in einer Stadt allein durch seinen Redefluss beschrieben. Selbst die Ziege, die der Vagant mit sich führt, um das Baby zu versorgen, bekommt ihre Sichtweisen, ebenso wie die höllischen Kreaturen.
Nur der Vagant selbst nicht. Er ist einer dieser Protagonisten, die zunächst einmal eher inaktiv, vom Geschehen mitgerissen werden. Man kennt als Leser seine Gedanken nicht. Nicht seine Motivation und fragt sich anfänglich mehr als einmal: Wenn er »nur« das Schwert und das Baby irgendwo hinbringen will/soll, warum tut er dann jetzt das und das?

In Rückblenden erfahren wir nach und nach mehr darüber, wie die Welt des Vaganten wurde, wie sie ist und langsam kristallisiert sich auch eine Motivation für den schweigsamen Desperado heraus.

Ansonsten folgt der Leser einem entbehrungsreichen Weg durch die zerstörten Lande. Hier kommt kaum jemand unbeschadet wieder raus und das hat wiederum einiges von einem Western.

Am Ende bleibt mir nur, als begeisterter Leser, zu hoffen, dass »Vagant« sich so gut verkauft, das Cross-Cult auch die (im original bereits erschienenen) nächsten zwei Bände veröffentlicht.

Zum Glück endet das Buch nicht mit einem Cliffhanger, es könnte also auch für sich stehen, aber mich würde schon interessieren, wie der Ideenreichtum des Autors weiter seine grandiosen Sprachblüten treibt.

Ein genialer Mix aus Endzeit, Dark-Fantasy, Science-Fiction und Western, für alle, die der von ewigen Mittelalter beherrschten Fantasy-Literatur etwas abgewinnen können und dabei noch einer Portion Horror nicht abgeneigt sind.

5 begeisterte Sterne auf Amazon.

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